2009

Mehr interreligiöse Bildung jetzt!

06. Mai 2009

Eine Erklärung der Evangelischen Erwachsenenbildung

1.   Die Vielfalt der Lebensorientierungen ist in unserer Gesellschaft der Normalfall geworden.
Menschen leben und glauben unterschiedlich. Sie erleben selbst im engsten persönlichen Umfeld eine Fülle von Differenzen. Das bezieht sich nicht nur auf Differenzen zwischen kulturellen Herkünften, Religionen, weltanschaulichen Orientierungen, sondern auch auf Differenzen innerhalb jeder einzelnen Kultur und Religion. Der Umgang mit Differenz ist eine Existenzbedingung und keine Wahl.

2.    Religiöse Vielfalt muss gesellschaftlich gestaltet werden.
Wir sind in unserer Gesellschaft auf den Umgang mit Differenz wenig vorbereitet und ungeübt, uns konstruktiv mit Machtasymmetrien auseinanderzusetzen. Dies prägt auch die Art und Weise, wie Religion zum gesellschaftlichen Thema wird. Nicht nur Medienleute sind zu einer besonderen Sensibilität im Blick auf Religionen und Religiosität herausgefordert. Alle Bürgerinnen und Bürger - ob sie sich als religiös oder bewusst als nichtreligiös verstehen - müssen die vielfältigen Begegnungen und Berührungen mit Menschen unterschiedlicher Religiosität in die eigene Lebenspraxis integrieren.

3.    Interreligiöse Bildungsarbeit ist eine dringliche Aufgabe öffentlicher Erwachsenen- bzw. Weiterbildung.
Diese Herausforderung durch die Vielfalt der Religionen, Religiositäten und weltanschaulichen Haltungen wird im Alltag noch nicht mit Selbstverständlichkeit angenommen. Gegen Widerstände und gegenläufige Tendenzen ist die Begegnung mit dem Anderen institutionell und individuell einzuüben. Interreligiöse Bildungsarbeit ist der Weg, auf dem Alltagserfahrungen mit unterschiedlicher Religiosität reflektiert, Vorurteile überprüft, Unsicherheiten und Ängste geklärt und ausgrenzende Haltungen durch Begegnungen überwunden werden können. Unsere Erfahrung zeigt: Wenn Menschen in interreligiös reflektierter Weise ihre Wahrheitsansprüche bezeugen, ist das nicht das Ende der Kommunikation, sondern Grundlage des miteinander Lernens und des friedlichen Zusammenlebens.

4.    Religiöse Pluralismusfähigkeit der Kirchen ist gefordert.
Die Kirchen müssen sich und ihre Organisation im vorfindlichen religiösen Gefüge neu verorten. Es wird ein produktiver Beitrag der Kirchen zur religionskompetenten Pluralismusfähigkeit erwartet. Die Pluralisierung ist nicht vorrangig als Orientierungskrise zu verstehen, der lediglich mit kirchlichen Strategien der Beheimatung zu begegnen wäre. Notwendig ist vielmehr ein doppelter Blick der Kirchen auf sich selbst: Christliche Theologie betont den universellen Anspruch, der dem Evangelium innewohnt, und achtet zugleich ihre Bezogenheit auf das Judentum. Indem die Kirchen zwischen der Reichweite der für sie verbindlichen Wahrheit (Universalität) und dem Anspruch auf Geltung für alle anderen (Absolutheit) unterscheiden, können sie sich in zivilgesellschaftlicher Perspektive als partikulare Religionsgemeinschaften erkennen, die für das gute Zusammenleben in der Gesellschaft Mitverantwortung tragen.

5.   Interreligiöse Bildung gehört zum Profil der Evangelischen Erwachsenenbildung.
Die Verknüpfung von religiöser Subjektivität und Bildung ist Markenzeichen des Protestantismus. Dies ist eine gute Voraussetzung für Pluralismusfähigkeit. Der bewusste Umgang mit inter- wie intrareligiöser Differenz kann am Beispiel der Geschlechterdifferenz als einem alle religiöse Gruppierungen prägenden Faktor thematisiert werden. Hierbei lassen sich gemeinsame Herausforderungen quer zu Religionszugehörigkeiten entdecken. Mit Angeboten religiöser Bildung trägt Evangelische Erwachsenenbildung zur Sprachfähigkeit in Glaubensfragen bei und richtet sich dabei an jeden Mann und jede Frau. Ziel ihrer interreligiösen Bildungsarbeit ist es, sich gegenseitig ernst zu nehmen, in guter Nachbarschaft miteinander zu leben und füreinander einzutreten; den eigenen Glauben besser zu verstehen und Impulse für die Gestaltung der eigenen Spiritualität zu erhalten; Neugier auf den Glauben der anderen zu wecken.

6.    Mehr interreligiöse Bildung jetzt – konkrete Initiativen sind gefragt!
Es kommt darauf an, sichtbar zu machen, was geschieht, und zu unterstützen, was dem Dialog dient. Evangelische Erwachsenenbildung will den Blick schärfen für Beispiele gelingenden alltäglichen Zusammenlebens im Stadtteil, zwischen religiösen und areligiösen Menschen, zwischen Kirchen-, Synagogen- und Moscheegemeinden, in Kindergärten, Schulen, Familien und Betrieben. Sie fördert Modelle, arbeitet ihre Bedingungen heraus, setzt sich mit Gegenkräften auseinander, gibt Anstöße für neue Initiativen und bietet Fortbildungen für interreligiöse Bildung und Verständigung an. Sie setzt sich für eine neue Qualität interreligiöser Bildung ein.

Mitgliederversammlung der DEAE 2009